Ich habe Shpongle, das Musikprojekt von Simon Posford (Hallucinogen, Twisted Records) und Raja Ram (Infinity Project, TIP Records), mit seinem ersten Album "Are You Shpongled?" kennengelernt. Veröffentlicht 1998, gilt es inzwischen als Meilenstein im Bereich des "Psybient", des Stils also, der klangliche Elemente von Goa und Psytrance aufgreift, sich aber eher für kontemplativ-psychonautische Couch-Sessions als die kosmische Open-Air-Extase eignet. "Are You Shpongled?" überzeugt durch seine Kompromisslosigkeit, sein unmittelbares und eindeutiges Triggern psychedelischer Schaltkreise im Gehirn des Hörers. Es funktioniert mit der Direktheit eines Kernspintomographen. Wie Atomkerne im Magnetwechselfeld richten sich die vorgelockerten Synapsen an den Oszillationsfrequenzen der Klangmatrix aus - ein ziemlich gewaltsamer Prozess, aber äußerst fokussierend, reinigend. Das Album gilt in dieser Hinsicht auch als unerreicht, sowohl im mittlerweile vier Longplayer umfassenden Shpongle-Opus, als auch innerhalb des Genres.
Etwas Ähnliches könnte man aber auch über das drei Jahre später releaste "Tales of the Inexpressible" sagen. Gleich einhellig zum "Instant Classic" erklärt, unterscheidet es sich doch stark vom Debut. Es klingt "organischer", d. h. es bewahrt die einzigartige Grundsignatur, reiht sich aber mit Gesang und Ethnoelementen ein klein wenig eher zwischen anderen Ambient-Produktionen ein, als der sperrige Vorgänger. Obwohl ich die "Tales of the Inexpressible" insgesamt etwas geringer schätze als "Are You Shpongled?", habe ich sie vermutlich schon deutlich häufiger laufen lassen. Aufmerksames Zuhören ist hiermit genauso möglich, wie angenehme Hintergrundbeschallung.
Mit "Nothing Lasts... But Nothing Is Lost" kam 2005 dann eine abermals völlig andere Veröffentlichung. Das Album ist ein Nachruf auf den 2000 verstorbenen Terence McKenna, der laut Posfords eigener Aussage zu seinen wichtigsten Einflüssen gehört. Dies zu glauben fällt nicht schwer, denn in der Musik von Shpongle wimmelt es sozusagen geradezu von den "jeweled, self-dribbling basketballs" und "self-transforming machine elves", über die McKenna nach seinen DMT-Reisen berichtete. Das Album selbst hat mit seinen zwanzig ineinander übergehenden Tracks ebenfalls starken "Reise-Charakter" und wirkt dabei angemessen nachdenklich und ernst. Ich wurde damit nicht auf Anhieb warm, aber irgendwie schaffte es "Nothing Lasts", sich zu meinem heimlichen Shpongle-Favourite hochzuarbeiten. Es kommt hier einfach eine Menge zusammen, im Kontext von McKennas Tod, der aktuellen Situation auf diesem Planeten und der Reflexion über den eigenen unbedeutenden Part, den man bei alldem spielt - schwer zu beschreiben.
Seit einigen Wochen ist nun das von den Fans schon über zwei Jahre lang aufgeregt erwartete vierte Album erhältlich. "Ineffable Mysteries from Shpongleland" vermochte allerdings zunächst nicht so recht zu zünden bei mir. Zu lasch, zu viel "World Music" und "New Age", zu wenig Frontalangriff auf meine Neutrotransmitterfabriken.
Die Hörsituationen bei der ersten Annäherung waren aber auch bewusst beiläufig - am PC, beim Aufräumen. In der U-Bahn mit dem iPod. Mit einem bestimmten Setting hatte ich bislang nämlich noch gewartet, denn ich wollte das Album schon etwas kennen, bevor ich es mir wirklich konzentriert anhörte. Bequem auf der Couch liegend, mit geschlossenen Augen. Auf einigermaßen anständigem Equipment. Laut!
Dieses elektroplasmatische Monster, das da plötzlich aus den Boxen herausgestapft kam, traf mich dann auch etwas unerwartet. "Electroplasm" heißt der erste Track, der mit seinen orientalischen Ethno-Sounds zunächst an das Material auf "Tales of the Inexpressible" erinnert. Da war es wieder, dieses Saiteninstrument, das mich mit seiner eher simplen Melodie bisher irgendwie nicht überzeugen wollte. Jetzt aber vibrierte es vor mir im Raum, die von ihm abgezupften Töne verglühten und legten sich wie schwerer Opiumrauch auf die akustische Bühne. OK, das waren jetzt 10 Euro in die Kasse für schwülstige Musikreview-Formulierungen... Jedenfalls offenbarte sich mir hier zum ersten Mal, wie perfekt dieses Album produziert ist. Die Dramatik des Openers entwickelt sich dann auch absolut Shpongle-typisch. Auf sehr zufrieden stellende Weise kommt es im Grunde zu einer Synthese aus den beiden ersten Werken, denn zu perfekt eingearbeiteten akustischen Klängen und Ethno-Flair gesellen sich hartes Gating (irgendwie ja ein Markenzeichen von Posford), komplexe Rhythmusstrukturen und hypersynthetische, alienartige Sounds.
Dieses Konzept bestimmt das ganze Album, jedoch nicht ohne Spannungsbögen zu ziehen. Es überwiegen zwar die ruhigeren, dann auch etwas weniger elektronischen Tracks, etwa "Nothing is Something Worth Doing" oder "Invisible Man in a Flourescent Suit". Letzterer wäre auch wunderbar auf einem Younger Brother-Album zu Hause, und Posfords Arbeit mit Benji Vaughan wirkt sich da absolut wohltuend aus, ohne den eigenständigen Charakter beider Projekte zu gefährden. Dass Shpongle aber auch kein typisches Chill Out-Projekt ist, machen andererseits die komplexeren, fordernden Tracks unmissverständlich klar. Der Opener gehört dazu, wie auch das Titelstück "Ineffable Mysteries".
Das unglaubliche Produktionstalent Posfords erreicht indes neue Höhen. Vom kleinsten Effektparameter bis zum Mastering stimmt hier einfach alles. Dadurch entsteht eine äußerst druckvolle, aber auch sehr offene Atmosphäre. Zusammengehalten wird das alles von Raja Rams Flötenspiel, das sich, wie das bei Shpongle eben so ist, wie ein silbernes Band durch diese bizarre Klanglandschaft schlängelt um dem Reisenden den Weg zu weisen.
Das neue Shpongle-Album ist also genau so, wie es sein muss. Hier wird ein Projekt weitergeführt, das seit über zehn Jahren weltweit die "Heads" zu wissendem Nicken, Grinsen und Augenzwinkern bringt. Das so auf den Punkt zu bringen, schafft sonst niemand.
Hörproben mit der Möglichkeit, das Album als Download zu erwerben, gibt es entweder direkt bei TwistedDownloads (leider nur MP3) oder bei Juno Records UK (auch unbeschädigt, d. h. als FLAC/WAV).
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