Da surfe ich heute so auf Facebook rum, plötzlich werde ich dazu aufgefordert, die schon vor ein paar Tagen angekündigten neuen Privacy-Settings auszuprobieren. Ich hatte schon länger auf das Feature gewartet, für jedes einzelne Posting Zugriffsrechte vergeben zu können, und stürzte mich deshalb gleich darauf.
Zunächst mal das Positive: Das neue Feature gibt es tatsächlich, man kann jetzt bei jedem Posting einstellen, wer es sehen darf. Leider kann man das anscheinend nicht mehr im Nachhinein ändern, hätte ich bei ein paar früheren Postings vielleicht ganz gerne die Einstellungen nachträglich gelockert. Lobenwert finde ich auch, dass die Seite mit den Datenschutzeinstellungen jetzt übersichtlicher und zusätzlich kennwortgeschützt ist.
Nun aber zu den Problemen, die ich für gravierend halte:
Zunächst einmal wurden mir für einige meiner ziemlich restriktiven Einstellungen wesentlich weniger strenge Alternativen vorgeschlagen. Die musste ich einzeln wieder auf "Old Settings" (oder so ähnlich) setzen, um nicht große Teile meines Profils dem ganzen Internet zu öffnen. Dieses Verfahren halte ich zumindest für äußerst unanständig. Die Benutzer sollen hier meiner Meinung nach ganz klar dazu verleitet werden, ihre Datenschutzeinstellungen zu lockern.
Also: Beim ersten Aufruf der neuen Einstellungen unbedingt prüfen, ob noch alles passt!
Als nächstes stellte ich beim testweisen Anzeigen meines Profil als "Everyone" fest, dass plötzlich jeder meine Friends List und meine Pages sehen kann! Auch für das Geschlecht und das Profilbild habe ich keine Einstellung zum Einschränken der Sichtbarkeit mehr gefunden.
Das ist, sehr vorsichtig ausgedrückt, ziemlich gewagt von Facebook. Ich halte die Friends List für eine der sensibelsten Informationen in einem sozialen Netzwerk. Wird es privat genutzt (anders als z. B. XING), kann diese Liste in unterschiedlichster Form Aufschluss über Details des Privatlebens einer Person geben. Andererseits leben solche Netzwerke natürlich auch davon, dass man Leute über andere Leute findet. Mit der Einstellung "Only Friends of Friends" für die Sichtbarkeit meiner Friends List konnte ich daher bisher ganz gut leben. Ich hielt das für einen sinnvollen Kompromiss. Leider geht das jetzt nicht mehr, die Friends List ist für das ganze Internet einsehbar. Für viele Leute, die aus verschiedensten, aber sicher immer sehr guten, persönlichen Gründen ihre umfangreiche Liste bisher geheim gehalten haben, muss das eine Katastrophe sein. Ein wahrer Datenschutz-GAU.
Man kann die Liste zwar aus der Profil-Anzeige entfernen, jedoch bleiben die Friends auch danach in den Suchergebnissen sichtbar. Facebook-Nutzern, für die eine nicht öffentliche Friends List unverzichtbar ist, scheint derzeit nur übrig zu bleiben, den Account ganz zu deaktivieren. Update: Man kann auch erst einmal festlegen, nicht mehr global über die Suche auffindbar zu sein. Ich habe das jetzt mal auf "Friends of Friends" gesetzt.
Doch damit nicht genug. Die "Pages", also Seiten von Produkten, Organisationen, Künstlern, etc. deren "Fan" man auf Facebook geworden ist, sind nun ebenfalls für jeden sichtbar! Auch das halte ich für extrem problematisch. In der Regel lassen sich aus diesen Mitgliedschaften allerhand Vorlieben, Interessen und Neigungen ablesen. Konsumverhalten, aber durchaus auch Dinge wie politische Positionen könnten damit ausgewertet und vermutlich sehr einträglich genutzt werden.
Meine Reaktion war - aus Protest, aber natürlich auch weil ich diese Informationen einfach so schnell wie möglich aus dem öffentlichen Internet entfernen wollte - meine immerhin 18 Pages zu verlassen. Einige von diesen hatten mich in den letzten Monaten mit interessanten Meldungen direkt in meinem News Feed versorgt - ein sehr angenehmer Service, auf den ich jetzt erst einmal verzichten muss.
Auch hier gilt: Wer nicht möchte, dass seine Pages-Mitgliedschaften für jedermann öffentlich sind, muss diese Pages aufgeben. Ich persönlich hoffe ja, dass möglichst viele genau das tun werden. Vielleicht kommt Facebook auf diese Weise wieder zur Vernunft.
Ergänzung (13.12.): Natürlich war die Mitgliedschaft in Fanseiten schon immer insofern öffentlich, als auf jeder dieser Seiten angezeigt wird, wer da alles Mitglied ist. Das ist aber schon noch einmal etwas anderes, als die Verfügbarkeit einer vollständigen Liste aller Mitgliedschaften für jeden einzelnen Benutzer.
Hier gibt es eine gute und kritische Analyse der neuen Features mit konkreten Tipps zu optimalen Einstellungen (Englisch).
Update: Wie ich gerade bei der EFF gelesen habe, wurde auch die Option entfernt, mit der man der Weitergabe seiner Daten an Facebook-Apps widersprechen konnte. All das, was nun von Facebook als "öffentlich" deklariert wurde, kann also von jeder Applikation abgegriffen werden. Dazu braucht sie nur jemand aufzurufen, der auf der eigenen Friends List steht. Ich hatte diese Option immer aktiviert, und ihre Entfernung stellt eine weitere gravierende und meiner Meinung nach genau kalkulierte Einschränkung des Datenschutzes auf Facebook dar.
Update: Langsam kommen auch die ersten kritischen Stimmen in der deutschen Presse. Während das Handelsblatt gestern noch eher Facebooks Pressemeldung wiedergab, übt Focus Online zumindest schon einmal verhaltene Kritik.
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