Mal was am Rande: Auf der "Löschen statt Sperren"-Demo in München habe ich fotografiert, um Teilnehmern und anderen Interessierten die Möglichkeit zu verschaffen, ein paar Eindrücke der Aktion im Netz abzurufen. Es war selbstverständlich für mich, die Gesichter der abgebildeten Demonstranten unkenntlich zu machen, denn ich kann ja schlecht alle fragen, ob sie mit der Veröffentlichung ihres Bildes in diesem Kontext einverstanden wären. Als so selbstverständlich scheint diese Vorgehensweise aber nicht allgemein anerkannt zu sein, denn ich habe inzwischen auch eine Menge Bilder derselben Veranstaltung gesehen, auf denen alle Gesichter einwandfrei zu erkennen sind.
Es ist wohl eine Grundsatzfrage, und ich möchte hier mal dafür plädieren, dass diese noch vergleichsweise junge Bewegung sich über dieses Thema die Gedanken macht, die in anderen politisch aktiven Kreisen schon längst zum Konsens geführt haben, dass - wenn schon Demobilder ins Netz gestellt werden - die Verpixelung von Gesichtern Standard und Ehrensache ist.
Wenn man sich z. B. mal die Berichte von Antifa-Demos anschaut (Link, Link, Link), trifft man fast überall auf unkenntlich gemachte Gesichter. Klar, bei diesen Demos gibt es neben der Angst vor staatlicher Repression (und zugegebenermaßen oft auch nicht ganz unberechtigter Strafverfolgung) zusätzlich die Gefahr, dass die Gegenseite die Bilder verwendet. "Gegenseite" heißt dabei Neonazis, bei denen man sicher nicht von Zimperlichkeit beim Verfolgen und Attackieren von Antifas ausgehen darf; das Verpixeln hat hier also eine ganz konkrete Schutzwirkung.
Manche werden jetzt vielleicht denken "ohje, die Antifa", und tatsächlich gibt es Leute, die gegen das Verpixeln ihrer Demobilder so argumentieren: "Der webMoritz ist keine linke oder linksextreme Szeneseite, ergo verpixeln wir auch nicht die Bilder von Demos." Das ist einerseits, sachlich betrachtet, reichlich absurd, passt aber auch zu dem Ablehnungsautomatismus gegenüber allem, was irgendwie "linksradikal" sein könnte, auf den man auch unter Netzaktivisten immer wieder trifft. Dieser Beißreflex wäre durchaus mal einen eigenen Artikel wert, ist aber für die Frage der Anonymisierung von Demobildern völlig irrelevant, denn es gibt dafür auch ganz rationale Argumente.
Warum also verpixeln?
Weil, wie schon eingangs erwähnt, jeder der abgebildeten Teilnehmer ganz individuelle Gründe haben kann, warum er nicht in einem Demobericht erkannt werden möchte. Gründe, die ich als Fotograf nicht kenne, weil ich den Teilnehmer nicht kenne und nicht mit ihm gesprochen habe. Ein hier oft gehörtes Gegenargument ist:
"Aber so eine Demo ist doch eine öffentliche Veranstaltung! Wer da hingeht, muss auch damit rechnen, auf Fotos der Veranstaltung zu erscheinen."
Klar sind Demos öffentlich. Aber es ist schon ein großer Unterschied, ob ich auf so einer Versammlung in Echtzeit von jemandem gesehen werde, oder ob im Nachhinein für einen praktisch beliebig großen Personenkreis und quasi bis in alle Ewigkeit nachvollziehbar ist, dass ich einer der Teilnehmer war. Vielleicht haben wir im Moment nicht das Problem, dass uns politische oder sonstige Gegner anhand unserer Gesichter identifizieren und dann mit Baseballschlägern abfangen, aber so völlig ohne Brisanz ist das Zensursula-Thema doch auch nicht. Die Verunglimpfungskampagnen gehen weiter und wir müssen derzeit leider noch die Realität akzeptieren, dass wir in der Wahrnehmung der breiten Masse als seltsame Computerspinner dastehen, die unerklärlicherweise irgendein Problem mit dem Sperren von Kinderpornoseiten im Internet haben.
Manch einer wird sagen: "Genau deswegen stehe ich zu meiner Meinung mit meinem Namen und meinem Gesicht!" Und auch ich finde es wichtig, offen, offensiv auf andere Menschen zuzugehen und ihnen klarzumachen, dass wir Kindesmissbrauch genauso verabscheuen und verurteilen, wie eben jene breite Masse, zugleich aber auf Gefahren hinweisen wollen, die sich aus dem falschen Umgang mit Dokumenten dieser Verbrechen im Internet ergeben. Ich darf dabei aber nicht vergessen, dass ich keinesfalls die sozialen, beruflichen und sonstigen Parameter all derjenigen kenne, die ich auf einer Demo fotografiert habe. Es gibt genügend Szenarien, in denen ein Teilnehmer einer Zensursula-Demo aufgrund eines solchen Fotos Probleme mit Bekannten, dem Arbeitgeber oder Kunden bekommen könnte.
Ich weiß nicht, wie das Leben jedes einzelnen Teilnehmers aussieht, und trage deshalb als Demofotograf eine Verantwortung!
Alle anderen Einwände müssen davor zurückstehen. Zu sagen "verpixelte Demobilder sind so ausdruckslos" oder "das Verpixeln ist mir zu mühsam" zeugt von einem eklatanten Mangel an Respekt vor den Persönlichkeitsrechten der Mitdemonstranten!
Wir haben auf der Münchner Demo die Polizei dazu aufgefordert, nur Übersichts- und keine Nahaufnahmen zu machen, und ich würde ja wetten, dass die sich dran gehalten haben. Jetzt liefern wir genau diese Nahaufnahmen öffentlich im Web nach! Wo ist da die Glaubwürdigkeit, wo die Konsequenz?
Diese Bewegung schreibt sich auf die Fahnen, gegen Überwachung und für den Schutz der Privatsphäre zu sein. Und dann ist es zu viel verlangt, über die Demobilder mal mit GIMP drüberzugehen? Das ist schwach, respektlos und dumm. Und für mich Anlass zu dieser Geste.