Wie nun schon in Blogs (netzpolitik.org) und im Handelsblatt zu lesen war, formiert sich anscheinend ein Zusammenschluss mehrerer Vereinigungen und Verbände, um sich für die geplanten Netzsperren auszusprechen, zugleich aber auch Änderungen am vorgelegten Gesetzentwurf einzufordern. Dabei sollen unter anderem der Kinderschutzbund (laut Handelsblatt), ECPAT, der IVD (Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland, ja wirklich) und Innocence in Danger sein. Der Artikel auf netzpolitik.org bietet sehr aufschlussreiche Hintergrundinfos vor allem zu ECPAT, IVD und Innocence in Danger. Zum IVD: Es ist einfach nur krass, wie sich nun ganz unverhohlen die Contentverwerter in diese Diskussion einschalten und versuchen, das Momentum für ihre Zwecke zu nutzen.
Besonders interessant finde ich jetzt die vermeintlichen Zugeständnisse in der genauen Ausgestaltung des geplanten Gesetzes. Einer der Hauptkritikpunkte ist ja, dass die Sperrlisten ohne Kontrolle und Transparenz allein vom BKA zusammengestellt werden sollen. Hier soll nun stattdessen ein "unabhängiges Gremium" involviert sein, wobei noch nicht näher bestimmt ist, wer oder was das sein könnte. Außerdem soll die DNS-Sperre durch eine "zweite Ebene verschärft" werden.
Schauen wir uns das mal an:
"Unabhängiges Gremium" klingt für mich ganz schlimm nach dem "unparteiischen Tribunal",
das schon bei der Verhandlung des Telekompakets in der EU als
"Richtervorbehalt light" in das Gesetz geschmuggelt werden sollte (dann
aber doch vorerst abgewendet
werden konnte). Ich bin wirklich gespannt, was hier kommt und hoffe,
dass die Öffentlichkeit und vor allem die Presse durch die Ereignisse
der letzten beiden Wochen wachsam genug ist, sich hier nicht zum
Narren halten zu lassen. Wenn überhaupt rechtsstaatlich Inhalte im
Internet gesperrt werden können, dann nur auf richterliche Anordnung, wobei jeder Einzellfall genau
geprüft werden muss. Dass kaum damit zu rechnen ist, eine ernst
gemeinte, wirklich rechtsstaatliche Regelung in das Gesetz zu bekommen,
wird auch deutlich in dem Antwortbrief des Familienministeriums an Spreeblick-Autor Johnny Haeusler. Dort heißt es: "Mit
den in Rede stehenden listengenerierten Sperrverfahren können wir
wertvolle Zeit sparen, die uns durch Einzelsperrverfügungen, wie sie
bisher möglich sind, verloren geht." Mit anderen Worten: Man will ja
bewusst weg von einzeln zu prüfenden Fällen, man will Sperren per
Mausklick.
Als "zweite Ebene", um die Sperren effektiver, d. h. schwerer
umgehbar zu machen, kommen sicher mehrere Dinge in Betracht. Eines ist
die in dieser Diskussion schon öfter genannte "Deep Packet Inspection".
Sicherlich könnte man damit ganz andere Sperrmaßnahmen umsetzen, als
über einen Eingriff ins DNS. Wenn ein Provider jedes vorbeikommende
Paket bis zu den verschiedenen Contentschichten aufmacht und z. B.
nachschaut, an welche Site ein HTTP-Request gerichtet war, lassen sich
Sites natürlich recht zuverlässig blocken. Denkbar wären aber auch
Filter auf Routingebene, d. h. im Endeffekt das Sperren von
IP-Adressen. Das alles ist aber allein schon technisch ein ziemlicher
Wahnsinn. Der Aufwand, den die Provider hier treiben müssten, ist
enorm. Mir stellt es auch sämtliche Haare auf beim Gedanken, das so
etwas in Zukunft die Regel im Internet sein könnte. Das wäre so völlig
an dem vorbei - und das meine ich immer noch rein technisch! -
was man sich ursprünglich dabei gedacht hat, als man all die Protokolle
und sonstigen Standards spezifiziert hat, auf denen dieses Netz
basiert. Es ist also nicht nur so, dass wir damit ein zensiertes Netz
hätten, sondern auch ein völlig kaputtes (technisch!). Mal abgesehen
von der ganzen Debatte um Netzneutralität, die natürlich auch direkt
hier reinspielt.
Laut Handelsblatt sind die ISPs langsam ziemlich genervt von der all
dem, besonders aber verständlicherweise angesichts der neuen
Forderungen nach technisch komplexeren Sperrtechniken. Ich frage mich,
ob es bei den Providern nicht noch Leute vom alten Schlag gibt, die in
einem RFC
noch mehr sehen als eine beliebig missachtbare Richtlinie, die das
Internet vielleicht auch mal allein vom technischen Standpunkt aus als
etwas Schützenwertes begreifen, an das man nicht einfach grob irgendwelche Überwachungsinstrumente dranspaxt?
Vermutlich
ist man aber mit so einer Argumentation ohnehin auf verlorenem Posten,
es kommen dann sofort wieder Vorwürfe, wie man so etwas gegen
Kinderschutz in die Waagschale werfen könnte. (Worum es ja aber
überhaupt nicht geht. *sigh*)
(Edit: Warum wir uns auf die Provider nicht verlassen können.)
Warten wir mal ab, was kommt.
Aufgenommen: Mai 15, 02:38
Mit den schon jetzt laut werdenden Forderungen nach einer technischen Umsetzung der geplanten Netzsperren, die wesentlich weiter greift, als die bisher diskutierten DNS-Umleitungen, lohnt es, sich noch einmal die Diskussion um Netzneutralität anzusehen.
Aufgenommen: Mai 15, 16:50
Aufgenommen: Mai 16, 09:39
Aufgenommen: Mai 18, 09:51
Aufgenommen: Mai 21, 22:55